Wer war eigentlich
Janusz Korczak?
Janusz Korczak wurde am 22. Juli 1878 als Henryk
Goldszmit in Warschau geboren. In einer assimilierten
jüdischen Familie aufwachsend entschied er sich
für das
Medizinstudium. Durch sein gleichzeitiges literarisches
Engagement wurde er schon früh als Schriftsteller
in Polen bekannt. Obwohl ihm ein unaufhaltsamer internationaler
akademischer Aufstieg bevorstand, wählte er einen
anderen Weg: er wollte den Armen und Waisen in den
Elendsvierteltn Warschaus helfen. Schon als kleiner
Junge hatte er heimlich das Elternhaus verlassen,
um mit den armen Kindern der Hinterhöfe zu spielen.
Parallel zu seiner Entscheidung gegen eine bürgerliche
private Karriere, für ein Leben mit sozial benachteiligten
Kindern verlief sein Namenswechsel: aus Henryk Godszmit
wurde Janusz Korczak. Das Pseudonym entnahm er einem
beliebten polnischen Roman des 19. Jahrhunderts: der
Geschichte von J.I. Kraszewski über "Janasz
Korczak und die schöne Schwertfegerin".
Der Drucker machte versehentlich aus einem Janasz
einen Janusz Korczak - und dabei blieb es.
Ab 1911 leitete Korczak das nach seinen Plänen
errichtete Waisenhaus Dom Sierot. Hier entwickelte
er aus der refektierten Praxis heraus seine Vorstellungen
von Erziehung als einer Utopie von einer friedfertigen,
klassenlosen Gesellschaft. Denn für Korczak war
die Welt bisher eingeteilt in zwei Klassen : in Erwachsen
und Kinder. Zwischen beiden herrschte ein Kampf -
allerdings ein Kampf von Ungleichen, denn die Kinder
waren in diesem Kampf hoffnunglos unterlegen.
Das gemeinsame gesellschaftliche Los der Kleinen
ist die Kindheit, die Korczak ihnen und den Erwachsenen
bewusst machen will. Hier beginnt der grosse wichtige
Klassenkampf der Menschheit. Denn bis in Korczaks
Zeit hinein war das Kind nur der Noch-nicht-Erwachsene,
ein artig dressierter, willen- und rechtloser, erst
in der Zukunft ernst zu nehmender Mensch, ein Projektionsobjekt
von Eltern für im eigenen Leben nicht Erreichtes.
Wir Erwachsenen, schreibt Korczak sinngemäss,
haben uns so eingerichtet, dass die Kinder uns möglichst
wenig stören, möglichst wenig ahnen, wer
wir eigentlich sind. So verweigern wir uns. Zugleich
kennen wir natürlich den Weg zum Glück.
Wir geben Hinweise und Ratschläge, wir lenken
und korrigieren, das Kind tut nichts, wir tun alles.
Wir befehlen und verlangen Gehorsam. Es sind ja unsere
Kinder, unser Eigentum. Gibt es in der Geschichte
wohl ein Beispiel für ähnliche Tyrannei?
Neben der Leitung des Kinderhauses Dom Sierot und
eines weiteren, Nasz Dom, ist Korczak unentwegt damit
beschäftigt, seine Erfahrungen zu durchdenken,
seine Erziehungsentwürfe zu konkretisieren und
mit allen Kräften für die Verbesserung des
Loses der Kinder der Strassen zu arbeiten. In seinen
beiden Kinderbüchern von König Hänschen
- genauer - Krol Macius - z.B. beschreibt Korczak,
wie Kinder als Sachkenner in Angelegenheiten von Kindern
ihre Welt ordnen und wie Erwachsene ihnen dabei helfen
können.
In den pädagogischen Hauptbüchern "Wie
man ein Kind lieben soll" und "Das Recht
des Kindes auf Achtung" unterbreitet er seine
durch Erfahrung und liebenden Einsatz gewonnenen Einsichten
für eine bessere Erziehung. Dabei handelt es
sich nicht um ein geschlossenes Theoriegebäude
mit ableitbaren Handlungsanweisungen. Seine Pädagogik
ist vielmehr ein Appell an Erwachsene, ihre Haltung
dem Kind gegenüber zu überprüfen und
sich selbst zu ändern.
Im Dom Sierot realisiert er seine Vorstellungen von
einer demokratischen Kinderrepublik. Da gibt es ein
Parlament, ein Kindergericht, eine Kinderzeitung und
viele andere "Institutionen", mit denen
und in denen Kinder und Erzieher lernen können,
so miteinander zu leben, daß die eine Gruppe
nicht die andere unterdrückt oder dominiert.
Ausser Heimleiter, Arzt und Literat war Janusz Korczak
Mitarbeiter beim polnischen Rundfunk, Leiter einer
Versuchsschule, Herausgeber einer Kinderzeitung und
Redner an polnischen Hochschulen.
Nach Kriegsausbruch 1939 zog der seine polnische
Offiziersuniform wieder an, die er schon als Militärarzt
getragen hatte, und demonstrierte auf diese Weise
seine Loyalität mit dem angegriffenen polnischen
Volk.
Als das Ghetto errichtet wurde, musste das jüdische
Waisenhaus ebenfalls in ein Haus innerhalb der Ghetto-Mauern
ziehen. Dort lebten Korczak und die Kinder unter unsäglichen
Bedingungen bis die Nazis am 22. Juli 1942 mit der
Massentötung der Bevölkerung des Warschauer
Ghettos durch die "Umsiedlung" nach Treblinka
begannen.
Am Mittwoch, dem 5. August 1942, war das bisher verschont
gebliebene Waisenhaus Korczaks an der Reihe.
Dr. Korczak selbst hatte wiederholt die Möglichkeit
gehabt, sein Leben zu retten. Aber alle diesbezüglichen
Vorschläge lehnte er entrüstet ab. Er hätte
eine solche Tat als Verrat an den Kindern und an seiner
Aufgabe betrachtet.
Bearbeiteter Auszug aus: Friedhelm Beiner: Janusz
Korczak. Ein Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik
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