"Das Recht
des Kindes auf Achtung und wie man ein Kind lieben
soll"
Vortrag von Clara
Maria von Oy am
14.10.92 in Freiburg auf Einladung des Förderkreises
Sozialpädiatrie e.V. und der Janusz-Korczak-Schule
anläßlich des 50. Todestages
JANUSZ KORCZAK,
dem König der Kinder
zum 50. Todestag
Vermuteter Todestag: 05. August 1942
Zum
100sten Geburtstag von Janusz Korczak, am 22. Juli
1978, vor 14 Jahren, durfte ich hier in Freiburg,
in der nach ihm benannten Janusz-Korczak-Schule, einen
Festvortrag halten. Heute bin ich eingeladen - vom
Förderkreis Sozialpädiatrie e. V. und der
Janusz-Korczak-Schule - zum 50sten Todestag von Janusz
Korczak (hier im grossen Hörsaal der Universitäts-Kinderklinik,
Freiburg) zu sprechen.
Sowohl damals, als auch heute, fällt es mir
nicht leicht, "meinen" Janusz Korczak weiterzugeben...
sicher auch aus meiner ganz persönlichen Liebe
und Verehrung... Aus der tiefen Betroffenheit über
die gegenwärtigen Ereignisse erscheint es mir
jedoch besonders wichtig, in dieser Stunde - mit Ihnen
gemeinsam - das Leben und Sterben Janusz Korczaks
zu betrachten.
"Das Recht des Kindes auf Achtung" und
"wie man ein Kind lieben soll," erfahren
wir nämlich nicht nur aus seinen Schriften, sondern
vor allem aus dem Zeugnis seines Lebens und Sterbens.
Deshalb fragen wir uns zu Anfang erneut:
Wer ist denn dieser Janusz Korczak?
Wer ist dieser Mann,
- der nicht wusste, ob er am 22. Juli 1878 oder 1879
geboren wurde, weil sich sein Vater ein paar Jahre
lang nicht um seinen Geburtsschein kümmerte?
- "Meine Mama nannte das eine sträfliche
Leichtsinnigkeit. Gerade als Rechtsanwalt hätte
mein Vater die Sache nicht verschleppen dürfen."
- dessen genaues Todesdatum in keinem Protokoll und
in keiner Todesurkunde enthalten ist?
- den der erschütternde Anblick des völlig
verwahrlosten jüdischen Waisenhauses in Warschau
auf die verheissungsvolle Arztkarriere verzichten
liess?
- der den weissen Arztkittel mit der grünen
Schürze des Heimleiters vertauschte und den Weg
als Erzieher mehrerer Generationen von Kindern und
mehrerer Generationen von Erziehern, seinen Weg der
schöpferischen Erneuerung der Pädagogik
ging?
- der den Kindern die grüne Fahne schenkte,
die die Fahne aller Kinder der ganzen Welt sein sollte,
"denn Kinder lieben das Grüne, den Wald,
die Felder, die Wiesen"?
- der beschlossen hatte, keine eigene Familie zu
gründen? "Mit Energie und Kraft führte
ich mein Leben fort, das nach aussen ungeordnet, einsam
und fremd schien." "An Sohnes statt nahm
ich die Idee, dem Kind zu dienen. Ich habe nur scheinbar
dabei verloren."
Wer ist dieser Mann,
- der aus freien Stücken sein Leben einer Tätigkeit
widmete, die von den Spenden und der Hilfe privater
Wohltäter abhing, der vom mutigen Reformator
um der Waisenkinder zum Almosen-empfänger wurde?
- dessen wichtigste Devise die Achtung vor dem Kind
war, eng verbunden mit einer grossen Liebe zum Kind.
- der die erste polnische Kinderzeitschrift gründete,
Kinder- und Jugendbücher verfasste und über
20 Bände schrieb; u. a. beim Donnern der Geschütze
im Feldlazarett zwischen 1914 und 1916 seine wichtigste
theoretische Arbeit "Wie man ein Kind lieben
soll" und 1928 "Das Recht des Kindes auf
Achtung"?
- der die Mühe des beständigen Suchens
und Enträtselns schätzte und für die
ehrfürchtige und bescheidene Arbeit des Beobachtens
und Forschens ein Beispiel gab?
- der den Waisenkindern die ausgefallenen Milchzähne
abkaufte, sie untersuchte und klassifizierte?
- der jeden Tag medizinische und psychologische Fachliteratur
in verschiedenen Sprachen las?
- der an manchen Tagen mehrere Stunden damit verbrachte,
schmutzige Kindertaschentücher zu sondieren und
zu untersuchen?
- der grossen Wert auf Andenken, alte Briefe, vertrocknete
Blumen legte?
- der jeden Notizzettel aufbewahrte und im Archiv
seines Waisenhauses Statistiken, Berichte, Diagramme
über Grösse und Gewicht seiner Zöglinge
angehäuft hatte, um sie später auszuwerten,
zu verarbeiten und zu veröffentlichen?
- der dem Kind zeit seines Lebens immer dieselben
vier Märchen erzählte?
- der durch allwöchentliche Radiosendungen seiner
Rundfunkplaudereien als der "alte Doktor"
im ganzen Land populär wurde, die Kinder unterhielt
und belustigte, die Erwachsenen faszinierte und beunruhigte,
viele Zuhörer fesselte und ergriff und dabei
selbst immer anonym und namenlos blieb?
Wer ist dieser Mann,
- der Gott im Nest einer Lerche und in den Herzen
der Kinder fand?
- der 1942 im Warschauer Ghetto betete: "Dank
dir, guter Gott, für die Wiese und die Farben
der Sonnenuntergänge, für den erquikkenden
Abendhauch nach einem heissen Tag voller Mühe
und Arbeit. Guter Gott, der du alles so gut und klug
ersonnen hast, dass die Blumen ihren Geruch haben,
die Glühwürmchen auf der Erde leuchten,
die Sterne am Himmel funkeln"?
- der davon überzeugt war, "dass die Kindheit
einen absoluten Wert darstellt, nicht im Hinblick
auf die Zukunft, auf einen Nutzen für irdendjemanden
oder irgend etwas, sondern einen Wert an sich"?
- der die erste Vorlesung im Institut für Sonderpädagogik
1919 im Röntgensaal begann, dort einen kleinen,
ängstlichen Jungen vor den Bildschirm stellte
und mit leiser, ergriffener Stimme aus dem Dunkel
sprach: "Seht es euch an und haltet es euch immer
vor Augen, immer wenn ihr erschöpft oder erzürnt
seid, wenn die Kinder unausstehlich sind und euch
aus der Ruhe bringen, wenn ihr aufgebracht seid und
brüllt, wenn ihr im Zorn strafen wollt - haltet
euch dann vor Augen, dass dann das Herz eines Kindes
so aussieht und so reagiert"?
Als 1939 die deutschen Truppen in Polen einfielen,
blieb Korczak in Warschau. Er arbeitete in der belagerten
Stadt im polnischen Rundfunk und beteiligte sich an
der Nothilfe, die von dem "Not-dienst des Rundfunks"
geleistet wurde. In den ersten Wochen der deutschen
Besetzung trug er unter seinem Mantel die Uniform
der polnischen Streitkräfte, um seinen Mitbürgern
Widerstandsgeist zu demonstrieren.
Im Herbst 1940 verlegten die Nazis das jüdische
Waisenhaus in das neu geschaffene Ghetto, wo sie über
eine halbe Million Juden zusammenpferchten, unter
denen die Hungersnot und der Flecktyphus eine furchtbare
Ernte hielten. Korczak, wie auch andere Erzieher,
ging mit den Kindern. Im Mai 1942 begann Korczak ein
Tagebuch zu führen. Am 04. August ist es abgerissen...
- Dieses letzte schriftliche Werk seines Lebens ist
erhalten und wurde 1958 in der polnischen Ausgabe
seiner ausgewählten Werke veröffentlicht.
Er hat es nachts hinter einem Sperrholzverschlag in
einem Saal geschrieben, in dem er mit vielen erschöpften
Kindern und dem sterbenden Vater eines seiner Zöglinge
lebte.
Am 22. Juli 1942 begannen die Nazis unter dem Vorwand
der Zwangsaussiedlung mit der Massenausrottung des
Warschauer Ghettos. Die Häuser wurden umzingelt,
die Menschen hinausgetrieben und in Viehwaggons zusammengepfercht,
die sie zum Vernichtungslager Treblinka brachten.
Am Mittwoch, den 05. August 1942, kam die Reihe an
das bisher verschont gebliebene Waisenhaus von Korczak.
Der "alte Doktor" hat wiederholt und auch
am letzten Tag die Möglichkeit gehabt, sich in
Sicherheit zu bringen. Er lehnte alle solche Vorschläge
ab und liess die Kinder nicht im Stich. Nahum Remba,
der ehemalige Sekretär der jüdischen Gemeinde
in Warschau, der Augenzeuge der letzten Augenblicke
von Korczaks Waisenhaus vor der Aussiedlung war, schrieb
in seinen Aufzeichnungen, (diese Aufzeichnungen sind
heute im Archiv): "Es war ein furchtbar heisser
Tag. Ich liess die Kinder aus dem Internat sich an
einer Mauer hinsetzen. - Ich glaubte, dass man sie
an diesem Nachmittag noch retten und bis zum anderen
Morgen im Ghetto behalten könnte. Ich schlug
Korczak vor, mit mir zusammen zur Gemeinde zu gehen,
damit sie entsprechende Schritte unternehme. Er lehnte
es ab und wollte die Kinder auch nicht für eine
Minute verlassen. Die Verladung begann. Ich stand
hinter der Postenkette des Ordnungsdienstes und verfolgte
bangen Herzens, ob mein Plan gelingen würde.
Ich fragte ständig nach der Anzahl der Waggons
(ob sie schon voll seien). Es wurde weiter verladen
und die Waggons wollten und wollten nicht voll werden.
Die dicht gedrängte Menge schritt unter Peitschenhieben
an mir vorbei. Plötzlich befahl Herr Sz. (Szmerling,
der jüdische Kommandant des Umschlagplatzes,
der von den Juden als "jüdischer Henker"
bezeichnet wurde - Anmerkung der Redaktion), die Kinder
des Internats hinauszuführen. An der Spitze schritt
Korczak. Nein, dieses Bild werde ich nie vergessen.
Das war kein Marsch in die Waggons, sondern ein organisierter
stummer Protest gegen den Banditismus. Im Gegensatz
zu der dicht gedrängten Masse, die wie das Vieh
in den Schlachthof marschierte, begann hier ein Marsch,
wie es ihn hier bisher noch nicht gegeben hatte. Alle
Kinder gingen in Viererreihen. An der Spitze ging
Korczak. Er hatte den Blick zum Himmel gewandt und
hatte zwei Kinder an der Hand. So führte er den
Zug. Die zweite Abteilung führte Stefanie Wilczynska,
die dritte Bronitowska, die vierte Abteilung Sczernfeld
vom Internat in der Twarda-Strasse (...). Sogar der
Ordnungdienst stand stramm und salutierte. Als die
Deutschen Korczak erblickten, fragten Sie: Wer ist
dieser Mann?"
Ja, wer ist dieser Mann,
der in seinen letzten Tagebuchaufzeichnungen, kurz
vor seinem Todesmarsch in die Gaskammern, schrieb:
"Ich wünsche niemandem etwas Böses.
Ich kann das nicht. Ich
weiss nicht, wie man das macht. Vater unser, der du
bist im
Himmel. Hunger und Unglück haben dieses Gebet
gemacht. Unser
tägliches Brot. Brot. Aber das, was ich ertrage,
ist doch
wirklich gewesen. Es ist gewesen."
Von den Kindern, die in Korczaks Waisenhäusern
durch die Generationen hindurch aufgewachsen sind,
leben heute einige in Israel. Mit Geúla und
Leon Harari bin ich befreundet. Leon Harari gründete
mit Korczak die erste polnische Kinderzeitung in Warschau.
Die beiden schrieben mir vor kurzem aus Israel. Sie
wissen nicht, dass ich heute hier, mit Ihnen, zusammenkomme.
Sie schrieben mir wörtlich: "Wir folgen
immer den Worten von unserem Lehrer Janusz Korczak,
der uns sagte: "Die Wörter sind arm und
sie drücken nicht immer das Erwünschte aus.
Wir geben euch nichts. Wir geben euch keinen Gott,
den müsst ihr in eurer Seele finden. Wir geben
euch keine Heimat, denn diese werdet ihr in euren
Herzen und euren Gedanken finden. Wir geben euch keine
Liebe ohne Verzeihung, und verzeihen, das bedeutet
Anstrengung, die immer jeder verwirklichen muss. Was
wir euch geben, ist die Sehnsucht nach einem besseren
Leben, welches nicht vorhanden ist. Diese Sehnsucht
wird euch zu Gott, zur Heimat und zur Liebe führen."
Leon und Geúla Harari schrieben mir weiter:
"Das sagte uns Janusz Korczak im Jahre 1938".
Im Gedenken an Janusz Korczaks Tod schauen wir auf
sein Leben und fragen uns erneut:
Wer ist dieser Mann,
dessen wichtigste Devise die Achtung vor dem Kind
war, eng verbunden mit einer grossen Liebe zum Kind?
Janusz Korczak, der als Henryk Goldszmit in Warschau
geboren wurde und als Henryk Goldszmit starb - im
Konzentrationslager Treblinka von Deutschen ermordet.
Der Name Janusz Korczak, der in die Geschichte eingehen
sollte, war sein Pseudonym.
Erinnerungen aus seiner Kindheit hören wir aus
seinem Tagebuch. Janusz Korczak erzählt:
"Angeblich habe ich schon damals der Grossmutter
meinen Plan vom Umbau der Welt in intimen Gesprächen
anvertraut. Danach wollte ich nicht mehr und nicht
weniger, als dass alles Geld abgeschafft werden sollte,
aber wie und wohin damit, und was nachher tun, darüber
war ich mir gewiss nicht im Klaren. Man darf nicht
allzu streng urteilen. Ich war damals fünf Jahre
alt, und das Problem war peinlich und beschämend
schwierig: was tun, damit es keine schmutzigen, abgerissenen
und hungrigen Kinder gäbe, mit denen ich nicht
auf dem Hof spielen darf...?
Mit neun Jahren erlebt Henryk den ersten Nervenzusammenbruch
seines Vaters und seine Einweisung in eine Heilanstalt.
Die Krankheit und danach der Tod des Vaters (Henryk
ist 18 Jahre alt) führt die Familie in einen
finanziellen Ruin und verändert alle bisherigen
Lebensbedingungen: Die Familie zieht in eine kleine
ärmliche Wohnung. Henryk übernimmt die Bürde
des Unterhalts für seine Mutter und seine Schwester
durch Nachhilfeunterricht.
Bei einem Dramatiker-Wettbewerb unter der Leitung
des berühmten Pianisten Ignazy Paderewski - zum
1. Paderewski-Literatur-Wettbewerb reicht Henryk sein
Drama "Wohin" ("Welchen Weg")
ein unter dem Pseudonym Janusz Korczak. Seit dieser
Zeit schreibt Henryk Goldszmit als Janusz Korczak
und geht auch mit diesem Namen in die Geschichte ein.
Er ist 1898 ein 20-jähriger engagierter Medizinstudent
- Pädiatrie hat er nicht zufällig gewählt
- und macht neben dem Medizinstudium erste Versuche
im erzieherischen Bereich im Armenviertel in Warschau.
Dort begegnet Janusz Korczak Kindern, die nicht am
regelmässigen Schulunterricht teilnehmen können.
Er ist besorgt um die Bildung und Erziehung dieser
jungen Menschen. "Seine Zwiegespräche mit
diesen Warschauer Strassenjungen waren genial, unwiederholbar",
so berichtet ein Zeitgenosse Janusz Korczaks in einem
Tagebuch aus jenen Tagen. "An jedem Sonnabendnachmittag
versammelte er in seiner Stube (die an einen Hof grenzt)
eine Schar von Kindern aus mehreren Höfen und
veranstaltete Spiele. Ich kam dann, um ihm dabei zu
helfen." Janusz Korczak begegnete den "Strassen-Kindern"
- "Strassen-Jungen" auch später noch
als Kinderarzt in den unentgeltlichen Leihbüchereien
der Warschauer Wohltätigkeitsgesellschaft.
In den Ferien ist er Erzieher in Sommerferienlagern.
Über seine Erziehungsmethode äussert er
sich so: "Du bist aufbrausend, sage ich zu dem
Jungen, also gut, schlage zu, nur nicht allzu kräftig.
Zürne, doch nur einmal am Tage. Wenn ihr wollt
- in diesem einen Satz habe ich die ganze Erziehungsmethode
zusammengefasst, derer ich mich bediene."
Es fällt uns nicht leicht, diesem Janusz Korczak
zu folgen. Seinem beunruhigenden Leben, das uns in
Frage stellt.
1904 bis 1906 ist er Militär-Arzt im Russisch-Japanischen
Krieg, dann wieder Kinderarzt von 1906 bis 1911 im
Kinderkrankenhaus im Warschauer Armenviertel, gleichzeitig
frei praktizierender und geschätzter Arzt bei
den Wohlhabenden. Von den reichen Eltern fordert Dr.
Korczak entsprechend hohe Honorare, um sie an die
Eltern armer Kinder, die er unentgeltlich behandelt,
weiterzugeben. Die Situation der jüdischen Waisenkinder
in den völlig verwahrlosten Waisenhäuser
fordert Janusz Korczak schliesslich so sehr heraus,
dass er sich entschliesst, für sie neue - wir
würden heute sagen - progressive - Waisenhäuser
zu gründen. Es erscheint ihm selbstverständlich,
mit diesen verwahrlosten - vernachlässigten Kindern
dort auch zu leben! Er will die Welt durch die Erziehung
der Kinder verbessern und sieht in den Kindern die
Rettung der Welt.
Janusz Korczak verteidigt als Gutachter an den Jugendgerichten
die Rechte der Kinder:
"Kinder werden nicht erst zu Menschen, sie sind
es heute schon", das war eine seiner wichtigsten
Devisen.
1914 bis 1918 ist Janusz Korczak wieder Arzt in Feldlazaretten
und schreibt dort sein erstes pädagogisches Hauptwerk
"Wie man ein Kind lieben soll" und 1968
"Das Recht des Kindes auf Achtung".
- Wie kann ich das Kind lieben und verstehen?
- Wie kann ich das Kind achten und ihm vertrauen?
"Ich weiss nicht.... Ich weiss nicht und kann
nicht wissen, wie mir unbekannte Eltern unter unbekannten
Bedingungen ein mir unbekanntes Kind erziehen können."
Erziehung ist für Janusz Korczak ein kreativer
Prozess. Pausenloses Suchen nach eigenen wirksameren
Formen und Methoden: Suchendes Fragen und grenzenloses
liebevolles Interesse stehen am Anfang und im Zentrum
jedes erzieherischen Denkens und Bemühens. Auch
für Janusz Korczak gilt: das erste Wirkende in
der Erziehung ist das SEIN des Erziehers... danach
erfolgt erst sein Tun und Reden (R. Buardini). Korczak
fordert vom Erzieher, dass er sich lebenslang und
existentiell mit der Aufgabe auseinandersetzt: "Wie
kann ich das Kind lieben, verstehen und achten?"
Dazu führt er aus: "Ein Kind kann man nicht
verstehen bis man sich selbst versteht. Du selbst
bist das Kind, das du kennenlernen, grossziehen und
vor allem aufklären musst". Also fordert
uns Janusz Korczak auf, zuerst zu fragen, wie kann
ich das Kind in mir lieben, verstehen und achten.
Er fordert uns auf zu täglich neuer Bereitschaft
zur Versöhnung, zum Verzeihen. "Wenn ich
ohne Illusionen die Fakten werte, so glaube ich, am
wichtigsten ist, dass der Erzieher fähig sein
muss: Jedem in jedem Fall völlig zu verzeihen
(auch sich selber - persönliche Anmerkung von
mir). Alles zu verstehen heisst, alles zu verzeihen."
Wie kann ich das Kind lieben?
Dadurch, dass ich das Kind, das mir anvertraut ist,
begleite... dass ich bei ihm, mit ihm bin... bleibe...
in Geduld und Durchtragekraft.
Ich kann mich gut erinnern, dass mich Studenten in
einer Vorlesung in der Fachhochschule mal gefragt
haben: "Was verstehen Sie unter 'Liebe' im Zusammenhang
mit Janusz Korczak?" Und da habe ich spontan
gesagt: "Eigentlich zuallererst etwas Passives:
Geduld und Durchtragekraft."
Wie kann ich das Kind verstehen.
Die vielleicht grösste Gabe Korczaks war seine
Phantasie. Schon der Student der Medizin war als Märchenerzähler
von den Kindern seines Wohnviertels gesucht und geliebt.
Das Kind zu verstehen, seine Gedanken und Gefühle
nachzuempfinden, auf seine Ängste und Hoffnungen
einzugehen, war ein zentrales Anliegen Korczaks. Wie
kann ich das Kind lieben, verstehen, achten?
"Wenn ich wieder klein bin." Offen für
seine Welt. Wenn ich bereit bin, von ihm, dem Kind,
zu lernen. Wenn ich ihm nicht mit fertigen Vorstellungen
und Wertungen begegne. "Ihr sagt: 'Der Umgang
mit Kindern ermüdet uns'. Ihr habt recht. Ihr
sagt: 'Denn wir müssen zu ihrer Begriffswelt
hinuntersteigen. Hinuntersteigen, uns herabneigen,
beugen, kleiner machen.' Ihr irrt euch. Nicht das
ermüdet uns; sondern - dass wir zu ihren Gefühlen
emporklimmen müssen. Emporklimmen, uns ausstrecken,
auf die Zehenspitzen stellen, hinlangen, um nicht
zu verletzen."
Vor dem Zweiten Weltkrieg leitet Janusz Korczak ein
jüdisches und ein katholisches Waisenhaus. Die
beiden letzten Jahre seines Lebens verbringt Janusz
Korczak vornehmlich damit, seine und andere Kinder
vor Hunger und Krankheit zu schützen. Alle Hilfsangebote
nichtjüdischer Freunde und Kollegen zu seiner
persönlichen Rettung weist er zurück. "Man
lässt ein krankes Kind nachts nicht allein, und
man lässt Kinder in diesen Zeiten nicht allein!"
Janusz Korczak hat die Kinder nicht glorifiziert,
aber geglaubt, dass in jedem von ihnen ein moralischer
Funke, ein Licht, sei, das die innewohnende Finsternis
der menschlichen Natur überwinden könne.
"Damit dieses Licht nicht erlöscht, muss
man die Kinder lieben, sich um sie kümmern, bereit
sein, sie vor der Ungerechtigkeit der Erwachsenenwelt
zu schützen; ihnen die Möglichkeit geben,
an die Wahrheit und Gerechtigkeit glauben zu können".
Im Gedenken an Janusz Korczaks Tod schauen wir auf
sein Leben und auf sein eigenes Kindsein: Für
sein Buch: "König Hänschen I",
nahm Janusz Korczak als Titelbild sein eigenes Kinderfoto,
das ihn als Jungen - Buben zeigt, damit die Leser
sehen, dass er auch einmal klein und verletzbar war,
so wie sie.
Nehmen wir doch heute einmal die Herausforderung
Janusz Korczaks an, das Kind in uns zu betrachten
- das Kind, das wir selber waren und das heute noch
in uns lebt. In allem Erwachsen-Sein vergessen und
verdrängen wir häufig dieses Kind, weil
wir uns mit seinem Kleinsein, seiner Angewiesenheit,
seinen Wunden und Verletzungen nicht (mehr) auseinandersetzen
möchten und immer noch nicht versöhnen können....
Janusz Korczak fordert uns geradezu heraus, zuerst
einmal das Kind in uns selber zu achten und zu lieben
und sich mit ihm zu versöhnen. Er lädt uns
ein, in seinen Werken die Grundrechte der Kinder zu
suchen und in Be-Achtung unter Be-Rücksicht-igung
der eigenen Kindheit liebend - versöhnend anzuschauen.
Das Recht des Kindes auf Liebe, auf Achtung, auf optimale
Bedingungen für sein Wachstum und seine Entwicklung,
das Recht des Kindes, in der Gegenwart zu leben, es
selbst zu sein, das Recht auf Fehler, zu versagen,
ernst genommen zu werden. Das Kind hat das Recht,
für das, was es ist, geschätzt zu werden.
Das Kind hat das Recht auf Geheimnisse, auf Respektierung
seiner Besitztümer, das Recht auf Erziehung;
sich erzieherischen Einflüssen, die seinen eigenen
Überzeugungen zuwiderlaufen, zu widersetzen.
Sich gegen Ungerechtigkeiten zu verwahren. Es hat
das Recht auf einen Kindergerichtshof, wo es über
gleiche urteilen kann und von gleichen verurteilt
wird; auf Verteidigung durch die Gerichtsbarkeit eines
Gerichtshofes aus Jugendlichen.
Das Kind hat das Recht auf Respektierung seines Schmerzes.
Das Kind hat das Recht auf Zwiesprache mit seinem
Gott. Das Kind hat das Recht, vorzeitig zu sterben.
Dazu sagt Janusz Korczak: "Die tiefe Liebe der
Mutter zu ihrem Kind muss ihm das Recht auf einen
vorzeitigen Tod gewähren - darauf seinen Lebensweg
nach nur einem oder zwei Sommern zu beenden..."
Und an anderer Stelle: "Aus Furcht, der Tod könnte
uns das Kind entreissen, entziehen wir es dem Leben;
um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig
leben."
Janusz Korczak fördert und fordert die Eigenständigkeit
und Selbstbestimmung des Kindes, seine personale Freiheit,
in der es sich selber und die/den anderen achten und
lieben kann.
Als Anwalt des Kindes sprach sich Janusz Korczak
für eine Erklärung der Rechte aus. Viele
Jahre bevor ein solches Dokument von der Genfer Konvention
(1924) oder der Generalversammlung der Vereinten Nationen
(1959) aufgesetzt wurde. "Das Recht des Kindes
auf Achtung" und "Wie man ein Kind lieben
soll" - diese Sätze stehen gemeinsam über
dem ganzen Werk Janusz Korczaks.
"Drei Grundrechte habe ich herausgefunden:
- Das Recht des Kindes auf seinen Tod
(oder von der Notwendigkeit, ihm sein Leben zuzutrauen)
- Das Recht des Kindes auf seinen heutigen Tag
(oder vom Segen des gegenwärtigen Augenblicks).
- Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist
(oder von der Notwendigkeit, dem Kind in seinem So-Sein
zu
trauen)."
Das schliesst, so Korczak, das Recht des Kindes auf
seine Unwissenheit, das Recht des Kindes auf Misserfolg
und das Recht des Kindes zu scheitern ein. Achtung
lässt sich fordern, Liebe nicht. Diese Liebe
hat Korczak den Kindern nie gepredigt, nie das zugemutet,
was die jiddische Sprache so treffend "Schmus"
nennt. Dass gerade die "Übeltäter",
die "Schwierigen," Liebe brauchen, jeden
Tag neu; das hat Korczak gewusst, gesagt und täglich
praktiziert. Lieben - wo keine Gegenliebe antwortet.
Vom Erwachsenen (Erzieher, Arzt, Lehrer) verlangt
Korczak ein partnerschaftliches Sein, das auf Alter,
Amt und Stellung verzichtet. Der Umgang mit dem Kind
auf gleichberechtigter Grundlage erschliesst dem Erzieher
erst das Wissen über das Kind. "Wer nicht
in einer Schule für geistig behinderte, taubstumme
oder blinde Kinder gelernt hat, Geduld und die Grundlagen
der Didaktik zu üben, der wird niemals ein richtiger
Lehrer werden."
Korczak fordert die Erwachsenen zu Selbstkritik und
Selbstkontrolle auf. "Erkenne dich selbst, bevor
du Kinder zu erziehen trachtest."
Auf Korczak, den Dichter des "Kinderlebens",
passt das Wort eines polnischen Dichters: "Leben
heisst, sich selber verlieren, wünschen heisst
verzichten..." Eineinhalb Jahre vor dem Zweiten
Weltkrieg sagte Janusz Korczak in einer seiner Rundfunk
Plaudereien:
"Du hast gelebt.
Wieviel Boden hast du umgepflügt?
Wieviel Brot hast du gebacken?
Wieviel Fundamente hast du gelegt, ehe du weggehst?
Wieviel Knöpfe hast du angenäht?
Wieviel Anzüge hast du geflickt?
Wieviel Socken hast du gestopft?
Wieviel Wärme hast du gespendet?
Wem hast du geholfen, wenn er schwankte?
Wen hast du gelehrt, ohne auf Anerkennung, Dankbarkeit
und Lohn zu rechnen?"
Janusz Korczak war kein Systematiker. Wer versucht,
seine Gedanken einander zuzuordnen, findet letztlich
ein einziges Prinzip und eine einzige Tatsache, "das
Prinzip der Achtung vor dem Kind und die Tatsache
seiner spontanen uneingeschränkten, fast möchte
man sagen, unpädagogischen Liebe zu ihm."
(Hartmut von Hentig). Von Korczaks Mitarbeitern, die
heute noch leben, wissen wir, dass die Atmosphäre
um ihn von erzieherischem Optimismus, von Liebe, Takt,
Intelligenz und Menschenkenntnis bestimmt war. In
dieser Atmosphäre gab es keine Uniformität
und keine Nivellierung. Korczak hat immer die Individualität
des einzelnen Kindes gefördert und verteidigt.
Für ihn gilt nicht das Kind im allgemeinen, sondern
das Kind im Individuum: - nicht wie es sein wird,
sondern wie es ist; - nicht wie es sein sollte, sondern
wie es sein kann.
"Ich liebe meine Schule für die geistig
Zurückgebliebenen, ich liebe diese grossen Leute,
in denen der Geist nur schwach flackert - wieviel
wertvoller ist für mich ein leichter Hauch ihres
Lächelns. Weil er so selten ist, weil er ihnen
so viel Mühe bereitet. Da hat einer seinen Knopf
allein zugeknöpft, nun wartet er auf ein Lob:
solch eine wichtige und schwierige Arbeit hat er selbständig
vollbracht! Ich könnte gar nicht mehr unter normalen
Leuten arbeiten, unter solchen prahlerischen Millionären,
die von der Natur so reich begabt worden sind."
Korczak empfahl dem Erzieher, ein guter Beobachter
des Kinderlebens zu sein: "Wie es in der Medizin
eine Lehre des Erkennens gibt, so müsste es in
der Pädagogik eine Diagnostik der Erziehung geben,
gestützt auf das Geschehen der Erscheinungen,
auf das Sehen, Erklären, Koordinieren, Folgern..."
Erst nach einer sorgfältigen Beobachtung suchte
Korczak nach wirksamen Mitteln, auf das einzelne Kind
jetzt und unter den gegenwärtigen Bedingungen
einzuwirken.
Janusz Korczak hat Partei ergriffen für das
unterdrückte Volk der Kinder, besonders der vernachlässigten
und behinderten Kinder, die keine Macht darstellen,
die sich nicht solidarisieren und keine Wählerschicht
mobilisieren können. Es ging ihm vor allem um
das Recht jeden Kindes, auch des gestörten und
behinderten Kindes, als eigene Persönlichkeit
anerkannt zu werden. 1972 verlieh der Börsenverein
des Deutschen Buchhandels seinen Friedenspreis posthum
an Janusz Korczak. In der Urkunde vom 01.10.72 begründet
der Börsenverein seine Entscheidung wie folgt:
"Der Börsenverein verleiht seinen Friedenspreis
postum an Janusz Korczak." Er ehrt damit einen
Mann, der gleichermassen als Arzt, Erzieher, Schriftsteller
für das Kind und seine Rechte eingetreten ist...
u. a. heisst es darin weiter: "Den Erwachsenen
hat Janusz Korczak die Veränderung dieser Welt
zugemutet, den Kindern hat er sie zugetraut: an sie
wenden sich seine liebenswürdigsten und zugleich
kühnsten Bücher. Janusz Korczak hat seine
Gedanken nicht nur in Wort und Schrift vertreten,
sondern er ist für sie mit dem Leben eingestanden.
Den ihm anvertrauten Kindern hat er auch angesichts
des Todes die Treue gehalten..."
Janusz Korczaks Leben und sein Sterben sind inzwischen
in wissenschaftlichen Abhandlungen in Poesie und bildender
Kunst, in Filmen, in szenischen Entwürfen bekannt
gemacht worden. Briefmarken, Medaillen, Münzen
und Schulen tragen seinen Namen. Janusz Korczak wird
als Held der Wirklichkeit benannt und unter den von
einer deutschen Wochenzeitung gesuchten "sieben
Heiligen des 20sten Jahrhunderts" ist Janusz
Korczak der sechste (E. Dauzenroth). Papst Johannes
Paul II. hat Janusz Korczak in der Öffentlichkeit
- bei verschiedenen grossen Anlässen - besonders
geehrt und u. a. ausgesagt: "Janusz Korczak ist
ein Symbol der Religion und der Moral für die
Welt von heute."
Janusz Korczak war kein Märtyrer und kein Heiliger
- oder doch?
"Wer so klein sein kann wie ein Kind, der ist
im Himmelreich der Grösste". Mt 18,4
Janusz Korczak war ein MENSCH,
körperlich klein und zart, er war
humorvoll und warmherzig,
voller hinreissender Ideen,
witzig und selbstironisch,
eigenwillig und schwierig,
aber auch einsam und traurig.
Er lebte sein Leben bis zur letzten Konsequenz!
Der polnische Arzt, Erzieher, Reformpädagoge
lebte und starb für die Kinder.
"Janusz Korczak schrieb für Kinder,
lebte mit den Kindern,
starb mit den Kindern.
Sein Leben und sein Tod sind heute Teile der jüdischen
Legende." so sagt es der Friedens-Nobelpreisträgeer
Elie Wiesel und der Nobelpreisträger für
Literatur, Isaak Bashewis Singer:
"Es gibt Menschen,
die die Welt aufbauen
und solche, die sie zerstören.
Für die Welt ist es gut,
dass es Menschen wie Janusz Korczak gibt."
Nun bitte ich Sie, sich schweigend zu erheben, so
gedenken wir gemeinsam Janusz Korczaks Leben und Sterben....
Es ist sicher in seinem Sinne, wenn ich Ihnen in
dieses Schweigen hinein ein Wort sage, das Hans Urs
von Balthasar 1978 hier in Freiburg - in Janusz Korczaks
100. Geburtsjahr - an den Anfang seines Vortrags über
"Das Martyrium heute" setzte: "Das
Martyrium heute besteht darin, am Leben zu bleiben!
Das Martyrium heute besteht darin - im Sinne Janusz
Korczaks - am Leben zu bleiben
Clara Maria von Oy
Text mit freundlicher Genehmigung der Jansuz Korczak
Schule Freiburg
Literatur, die für den Vortrag verwendet wurde:
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