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Janusz Korczak: Traurig oder böse ?

Nachschrift einer Radio-"Plauderei"vom 22.1939

Hab keine Angst! Ich sag nicht, wie du heißt. Wovor fürchtest du dich? Nein. Wieso das denn? Warte. Oder du hast vergessen, wie es wirklich war, oder es ist dir peinlich - du schämst dich, die Wahrheit zu sagen, weil du wohl selber begreifst, daß du nicht in Ordnung bist. Die Fakten sprechen für sich. Nein, nein, nein, du bist nicht in Ordnung.

Du sagst: "Gib den Bleistift her" - (daß er ihn dir borgt). Damit begann eigentlich das Ganze. Du, nicht er, hast als erster angefangen: "Gib den Bleistift her, du sollst ihn mir borgen." Wenn das nicht gewesen wäre, hätte es weder Prügelei noch vergossene Tinte gegeben. Jeder Schüler in der Klasse sollte einen eigenen Bleistift haben. Du hast keinen, nun gut, wendest du dich eben an den Nachbam. Aber der will nicht. Lehnt ab. Der Bleistift liegt vor ihm, er verdeckt ihn mit der Hand (ja?) und sagt: "Ich geb ihn dir nicht", oder: "Ich will nicht." Das ist unwichtig. Aber du: "Gib ja her", du verdrehst ihm die Hand und entreißt ihm den Stift. Ja? Denn er soll ihn dir geben, schließlich ißt du ihm den Blei ja nicht auf. Du versuchst also, ihn mit Gewalt an dich zu reißen. Ist es nicht so?

Du hattest zwei Wege, zwei Möglichkeiten: entweder ihn zu bitten oder zu überzeugen, daß er dir den Stift geben sollte. Du willst nicht um so eine Lappalie bitten, das paßt dir nicht? Gut. Blieb noch ein anderer Weg: dich an einen anderen Klassenkameraden zu wenden. Immerhin hat dein Banknachbar nicht als einziger in der Klasse einen Bleistift. Doch so war es für dich bequemer: der erste beste, der nah genug sitzt, also "gib"!

Du sagst, daß du den Bleistift gebraucht hast und es eilig hattest. Das glaube ich. Ich weiß nicht, wie deine Eile und unbedingte Notwendigkeit beschaffen waren, doch du hattest keinesfalls das Recht, "gib her!" zu sagen, oder gar den Stift an dich zu reißen. Wo hast du je gehört, in welchem Buch gelesen, daß du, wenn du in Eile bist oder etwas dringend brauchst Unerlaubtes tun, Gewalt anwenden darfst? Bei uns Erwachsenen heißt so etwas Raub. Du bist stärker, folglich raubst du dem Schwächeren sein unbestreibares Eigentum. O, mores! ruft der römische Redner aus. Was sind das für Sitten? Am hellichten Tag, hier vor der ganzen vernünftigen Klasse?

Du sagst, er hat als erster angefangen? Nein, du warst es. Denn jetzt erst ist er empön: "Gib ihn mir wieder, gib den Bleistift zurück, du Dieb!" Eine Beleidigung. Du bist beleidigt. In Veneidigung deiner Ehre bist wieder du es, der ihn als erster schlägt; den Bleistift wirfst du auf die Erde und: "Du, Schlaumeier du, erstick an deinem Bleistift, Lausekerl!" Du sagst: "Nein!" Korrigierst: Das ist nicht wahr, du hast nicht "Lausekerl" gesagt, bloß "Mistfink". Einverstanden. Aber aus welchem Grund? Weil er dich in Harnisch gebracht hat. Du ihn aber auch. Also eine Prügelei, schon die zweite in dieser Woche. Gestern ein Krach mit dem Diensthabenden, heute mit ihm. Und die vergossene Tinte. Und was besonders interessant ist: Du glaubst dich im Recht. Übervoneilt, gekränkt. Ein Kindchen. Ein armes kleines Kindchen. Ein Unschuldsengelchen!

Ich frage dich später, ob du mit mir sprechen willst. Ich ruhig, höflich, sanft, aber du fauchst: "Äh, wozu?" und dann noch, daß dir "alles egal ist", daß "es da nichts zu reden gibt". Dabei gibt es dafür wirklich Anlaß genug. Später zu deiner Rechtfertigung: "Ich habe gedacht, Sie werden wütend werden und wieder schreien."

Wütend werden und schreien - das ist nicht dasselbe. Ich habe dich sofort angeschnauzt, weil ich sofon reagieren mußte, auf der Stelle - um des Beispiels willen, für die andren, zur Genugtuung des Geschädigten, weil du ihn zur Prügelei gezwungen hast, ihn darin verwickelt und seinen Bleistift zerbrochen hast. Ich habe just gesagt: "Banditenwesen, Gangstertum, kid-(Stift)napping. Ja. Ich habe mit dem Fuß gestampft, mit der Faust auf den Tisch gehauen, habe meine - aufgepaßt - administrative Pflicht erfüllt. Und ich habe ge schrien, ja. Aber wütend werden? Wasglaubst du denn. Nicht genug, daß ich meine Stimmbänder überanstrenge, da soll ich auch noch die Nerven ruinieren? Und auf wen? Wut? Zorn? Du bist ein guter Junge. Meine Wut reserviere ich für wichtigere Dinge. In der Eile habe ich dich verletzt. Habe gesagt: "Ach, du Schinder, du!" Na, und? So einer säubert die Stadt: fängt Hunde, aber keine Bleistifte. Dein Ehrgefühl ist verletzt. Doch Ehre muß man sich verdienen, Ehre (die ist kein Bonbon!) muß man sich erarbeiten. Aber du - gestern eine Prügelei, weil der Diensthabende dich nicht in die Klasse gelassen hat, heuteweil man dir einen Bleistift versagt hat. Eben. Und die Tinte.

Ich bin nicht wütend, ich möchte helfen, fühle mit dir, will erklären, raten - oh ja! Du hast gesagt: "Wenn ich auf jemand böse bin, lasse ich das einen andern büßen." So macht es der schlimmste Pferdeknecht: Er läßt es am Pferd aus, wenn der Verwalter ihn schlecht behandelt. Was hat das Pferd getan? Du hast Kummer? Ich werde versuchen, dir zu helfen.

Du hast dich davon überzeugt, daß meine Ratschläge und Hinweise nützlich und wirkungsvoll sind? Daß keiner, der sich danach richtete, es bedauert hat? Oder war in diesem Jahr die Königskrone bei der Aufführung vielleicht schlecht? Ich will mich nicht loben, aber im vergangenen Jahr ist sie dem König vom Kopf gefallen, und das Publikum hat ihn ausgelacht ... Oder einer sagt mir, daß er keine Marke mit Schwan hat? Und die Stelzen, und der Schlitten? Oder die Seifenblasen? Wie waren eure Seifenblasen? Klein, farblos, und sie sind gleich geplatzt. Und meine bis zum zweiten Stock? Warum? Ich bin schon ziemlich lange auf der Welt, habe mehr Königskronen und Seifenblasen gesehen. Aber nein - das nicht. Ich denke nicht daran zu kriechen, mich ungebeten aufzudrängen. Oh nein.

Aber ... Ich habe mich mit ihm unterhalten. Ich weiß Bescheid, mein Lieber. Ich weiß nun Bescheid. Und ich will dein Gedächtnis auffrischen. Denn eines erschien mir unklar und merkwürdig bei der ganzen Sache. Warum wollte er dir nicht für einen Moment 'mal den Bleistift geben? Ich kenne ihn doch: ein ordentlicher Junge, ein guter Kamerad. Also warum? Aha! Es stellt sich heraus, daß er dir vor den Feiertagen (erinnerst du dich?) einen Radiergummi geliehen hat. Den hattest du auch nicht und du brauchtest ihn dringend. Da hat er ihn dir geborgt. Hat ihn hergegeben. Ja. Und du, was?

Bei uns Erwachsenen ist in solchen Fällen ein "Dankeschön" üblich. Du nicht. Ich weiß: "Pfe, für jede Lappalie danke schön, auch 'ne Gnade!" Keine Lappalie, sondern ein Bleistift, ein Radiergummi; keine Gnade, sondern eine Gefälligkeit. Ist ja im übrigen auch egal. Es geht darum, daß du, wenn du dir etwas borgst, es wiedergibst, es zurückgibst. . Ja. Borgen und nicht wiedergeben ist so etwas zwischen: ablokken und stehlen (Rotzjunge, Schwindler). Er hat verborgt, er hat vertraut. Und du? Du, mein Lieber, hast damals nicht nur nicht den Gummi zurückgegeben (vor den Feiertagen), sondern hast ihm gegenüber auch noch die große Klappe gehabt: Wüie? Was willst du denn? Was für'n Gummi? Ich weiß nicht - ich habe ihn hingelegt, hab ihn nicht, muß jemand weggenommen haben - kannst ihn ja suchen. Der hängt sich an einen wie Pech." Aha? Pech? Gut. Ware. Er hat durch dich den Radiergummi eingebüßt. Er ist kein "Schlaumeier", kein "Pech", sondern einer, der achtgibt auf seine Sachen. Ein nachlässiger Typ vergißt, verliert, das fällt ihm leicht: Er nicht: Der Vater arbeitet, er hat gekauft, der Junge hatte seins, er mag es nicht, von anderen zu borgen. Er will alles in Ordnung haben. Und du? Jetzt hast du ihm wieder (bei der Rangelei) die Tasche und einen Knopf abgerissen. Wer schuld ist? Du weißt ja jetzt, warum er dir nicht den Bleistift geben wollte. Oder? ...

Und der Krach mit der Klassenaufsicht? Du willst in die Klasse, die Aufsicht erlaubt es nicht. Du zerrst an der Klinke, trittst gegen die Tür, trommelst mit den Fäusten dagegen, spuckst durchs Schlüsselloch. Und wieder - eingeschnappt - hast du recht. "Denn, warum erlaubt er es anderen? Warum läßt er alle anderen rein, nur mich nicht?" Übertreibung: Nicht alle läßt er rein. "Er sucht sich die aus, die er reinläßt." Nun ja. Man hat bekanntgemacht: Vor dem Läuten hat die Klasse leer zu sein. Aber jemand möchte nur für einen Moment, hat etwas Wichtiges vergessen. Da kann man schlecht ablehnen. Ausnahmsweise - für einen Moment. Aber der Diensthabende ist dafür verantwortlich, wenn etwas abhanden kommt. Der Diensthabende ist dafür verantwortlich, wenn Lärm und Unordnung in der Klasse herrschen. Und was macht er, wenn du hereinkommst und willst dann nicht wieder gehen? Er muß Vertrauen haben, doch mit Faust und Spucke gewinnt man weder Ehre noch Vernauen. Unangenehm, sich herumzustreiten, aber das ist seine amtliche Pflicht.

Er wollte dich nicht einlassen? Und ich erinnere dich: Du hast Papierschnipsel umhergeschmissen. Er hat gesagt, man dürfe keinen Schmutz machen. Doch du? Du hast das Papier nicht aufgehoben, bloß geknurrt: "Und wozu bist du da?" So sehen bei dir Anordnung und Gesetz aus: daß alle das Recht haben, Schmutz zu machen, vielleicht du ja auch nur alleine, und die Klassenaufsicht hat die Pflicht, alles wieder aufzusammeln. Ein Gesetzgeber hat sich gefunden - ein Müllmann! Ganz was Neues. Ich jedenfalls habe Ähnliches noch nie gehört.

Eine strittige Sache? Wer hat recht - du oder er? Wende dich an den Erzieher. Du: nein. Du willst nicht, du beschwerst dich nicht gern. Ein sehr schöner Grundsatz. Also gib nach. Nein: du willst es erzwingen. Schlägst, trittst. Für dich sind Vorschriften nicht verbindlich - Machthaber, Oligarch, Ausnahme ...

Doch jetzt zur Sache. Das alles war und ist vorbei - wichtig ist das Was und Warumwichtiger, was passieren wird. Und die Erzieherin will die Eltern kommen lassen. Nun, ich habe bemerkt, daß du traurig bist. Gib gut acht: nicht böse, nur traurig. Etwas drückt dich, beunruhigt dich. Man sagt: An ihm nagt der Wurm.

Woher ich das weiß? He, weiß einer bloß, was man ihm sagt? Ich habe freilich Ohren - ich höre, lausche, weiß Bescheid. Aber ich habe auch Augen - ich sehe. Ich schaue, betrachte. Du kennst die Buchstaben, kannst lesen, du weißt, was in einem Buch geschrieben steht? Aber es gibt auch solche Buchstaben, mit deren Hilfe man in einem Menschen lesen kann, oh ja! Du bist traurig. Ein guter Junge, aber ein trauriger. Ja.

Einmal hast du auf dem Flur am Fenster gestanden, tief in Gedanken versunkenna, und du stehst so traurig da, so apathisch und verloren, hast keinen Spaß - bist allein.

Damals sogar schon wollte ich dich fragen, mit dir ins Gespräch kommen. Doch dann habe ich gedacht: nein, warte noch. Denn siehst du, ein verschlossener Mensch (und du bist so einer) will das nicht, mag nicht, er verbirgt seinen Kummer, seine Sorgen. Er zieht sich irgendwo in einen Winkel zurück, damit niemand merkt, daß er traurig ist, oder er spielt sogar den Fröhlichen. Was haben sie ihn auszufragen oder zu trösten? Er will anderen mit seiner schmerzlich verzogenen Gusche nicht die Laune verderben.

(... Soll das Eichhörnchen fröhlich hüpfen, auch wenn mir der Bauch wehtut, soll die Taube gurren, und die liebe Sonne scheinen ...)

Jaaa.

Der Löwe versteckt sich im Dickicht, dort leckt er seine tödliche Wunde. Du machst es genauso. Deine Sache.

Paß auf: Ich stehe dir gern mit Rat und Hilfe zur Seite. Du verstehst: zur Seite (wenn du willst). Der Mensch, wenn er böse ist, beschuldigt alle und rächt sicher wird nichts lernen. Doch aus Trauer resultieren Erfahrung und Lehre. Schiffbruch erleiden und andere dafür büßen lassen, weil du böse bist? Nein, das kann ich nicht zulassen. Doch denk daran: Du bist nicht böse, nur traurig. Lüfte einen Zipfel deines Geheimnisses. Du kommst morgen und erzählst? Ich denke nach, und später kommen wir vielleicht zu einem Beschluß. Denn schließlich muß man das doch irgendwie ...

Der alte Doktor

(Aus dem Polnischen von Karin Wolff. Erstveröffentlichung: Smutny czy zly? in: "Antena" 1939, Nr. 4 vom 28.1.)

 

 

 
  
 
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