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Es lebe die Pünktlichkeit und andere Texte von Janusz Korczak

Was ist zu machen, damit die Kinder pünktlich zur Schule kommen? Ich höre oft, daß Kinder verspätet zur Schule kommen; man weiß keinen Rat dagegen.

Janusz KorczakIch schlage also vor, in jedem Zimmer einen Hahn unterzubringen, der am frühen Morgen krähen und die Kinder wecken wird. Sollte unser Ziel nicht erreicht werden, rate ich, auf dem Hof eine Kanone aufzustellen. Die Kanonenschüsse werden bestimmt die Kinder wecken. Wenn aber die Kinder zu spät kommen, weil sie zu langsam gehen, dann wäre es vielleicht zweckmäßig, die Kinder aus einem Flugzeug mit Wasser zu begießen, dann laufen sie schnell zur Schule.

Wenn auch auf diese Weise kein gutes Ergebnis erreicht wird. habe ich einen vortrefflichen Rat. Diesen nämlich: Man veröffentlicht die Namen der Nachzügler in einer Zeitung. "Uns interessiert nicht. was man in den Zeitungen schreibt", werden die Kinder wohl sagen. "Leute, welche die Zeitung lesen, kennen uns ja nicht." Ach so! Da kann man ja die Nachzügler in der Schulwandzeitung nennen! "Was macht uns das aus", werden die Kinder sagen, in der Schule wissen ja alle, daß wir Nachzügler sind."

Na ja! - - Ich schlage also vor, und das ist mein letzter, hoffentlich bester Rat: Die Erwachsenen mögen eine Erklärung in der Wandzeitung veröffentlichen, in der sie versprechen, nirgends und niemals sich zu verspäten und die Kinder aufrufen, ihrem Beispiel zu folgen.

Sätze Janusz Korczaks

Ist unser VerhäItnis zu den Kindern vielleicht nicht ein Ausdruck des Egozentrismus der Erwachsenen?

Wie oft gleichen wir (d. h. die Erwachsenen -- Anmerkung der Redaktion) dem Kinde, das der Katze eine Schleife an den Schwanz gebunden hat, sie mit einer Birne füttert, ihr seine Zeichnungen zeigt und verwundert ist, daß die Undankbare sich taktvoll verdrücken will oder verzweifelt zu kratzen anfängt.

Einer der schlimmsten Fehler besteht darin anzunehmen, daß die Pädagogik eine Lehre über das Kind und nicht eine Lehre über den Menschen sei.

Je niedriger das geistige Niveau, je farbloser das moralische Antlitz, je größer die Sorge um die eigene Ruhe und Bequemlichkeit ist, desto mehr Weisungen und Verbote gibt es, die nur scheinbar von der Sorge um die Kinder diktiert werden. Der Erzieher, der unangenehme Überraschungen vermeiden will, der nicht bereit ist, die Verantwortung für das zu tragen, was eventuell geschehen kann - ist ein Tyrann für die Kinder.

Ich suchte nach Erziehern unter Handwerkern (Schustern, Maurern, Händlern, Hausmeistern, Straßenbahnschaffnern) - unter gewöhnlichen Menschen. Man glaubt, nur eine Kellnerin vor sich zu haben - und doch ist ihr Lächeln, ihr Gang, ihre Geste, ihr Blick, ihr Tun - auch ohne pädagogische Schulung - erstaunlich zweckmäßig und erzieherisch.

Man muß daran glauben, daß das Kind nicht dreckig, sondern nur beschmutzt sein kann.

Auch das Kind, das ein Vergehen begangen hat, hört nicht auf, ein Kind zu sein.

Der erfahrene Arzt denkt daran: primum non nocere, nicht schaden und geduldig warten.

Man darf niemals von Unverbesserlichkeit und davon sprechen, daß aus einem Kind nichts wird. lm Gegenteil, man soll nur von zeitweiligen Unzulänglichkeiten sprechen und davon, daß schon bald alles weder gut Selen wird, daß die Schwierigkeiten und Mißverständnisse bald ausgeglichen werden und daß in Zukunft alles wieder im Lot sein wird.

Ohne Pendanterie, wohlwollend und zuversichtlich muß man in dem Kind einen Menschen sehen. Man darf es nicht geringschätzen.

Das Kind beobachtet sich selbst und analysiert seine Handlungen. Wir sehen es nur nicht, weil wir nicht zwischen den Zeilen seiner nur unwillig gesprochenen Sätze lesen können. Wir wollen, daß uns das Kind alle seine Gedanken und Gefühle anvertraut. Wir sind selbst nicht schnell bei der Hand mit Bekenntnissen und wollen und können nicht verstehen, daß das Kind noch schamhafter, noch empfindlicher gegen das brutale Beobachten seiner geistigen Regungen ist.

Ihr sagt:

- Uns langweilt - der Umgang mit Kindern.

Ihr hebt recht.

Ihr sagt:

- Weil wir uns zu ihren Begriffen erniedrigen müssen.

Ihr täuscht euch.

Nicht dies quält uns, sondern, daß wir uns zu ihren Gefühlen emporheben müssen, daß wir uns strecken und auf Fußspitzen stehen müssen, um sie zu erreichen.

Aus seinem Tagebuch (Fragmente)

Das Antlitz des Stadtviertels ändert sich von Tag zu Tag.

1. Das Gefängnis

2. Die Pest-Station

3. Das Irrenhaus

4. Spielkasino Monaco. Der Einsatz ist der eigene Kopf. Das wichtigste dabei ist, das alles schon einmal da war. Elende Menschen zwischen Gefängnis und Krankenhaus.

Sklavenarbeit: nicht nur Anstrengungen der Muskeln, sondern auch die Ehre des Mädchens.

Der Glauben, die Familie, die Mutterschaft werden mit Füßen getreten. Man handelt mit allen geistigen Gütern. Auf dieser Börse gibt es Notierungen darüber, wieviel ein Gewissen wiegt. Der Tageskurs lautet: eine Zwiebel oder das Leben.

Die Kinder leben in ständiger Ungewißheit und Angst.

"Der Jude wird dich holen". "Ich werde dich dem Bettler geben". "Sie werden dich im Sack mitnehmen...

Das Sein der Waisen.

Das Dasein des Greises.

Seine Erniedrigung und moralisches Absterben (es gab eine Zelt, da es sich lohnte, für den Ruhestand zu arbeiten. So war es auch mit der Gesundheit.) Heute werden Kräfte und Lebensjahre gekauft. Nur der Lump hat Hoffnungen auf graue Haare.

Ich begieße Blumen, die arme Pflanzenwelt des Waisenhauses, des jüdischen Waisenhauses. Die ausgetrocknete Erde atmet auf.

Ein Wachposten schaut mir zu. Ob ihn wohl meine friedliche Tätigkeit um 6 Uhr morgens reizt oder ergreift? Er steht und schaut breitbeinig zu.

Alle meine Bemühungen; Esterka wiederzufinden, waren umsonst. ich war nicht so ganz sicher, ob ich ihr im Falle des Gelingens einen Dienst erweisen oder Schaden und Unrecht zufügen würde.

,,Auf was ist sie reingefallen?" fragt jemand.

Vielleicht ist nicht sie, sondern sind wir reingefallen:

(daß wir hierbleiben).

Ich habe an das Kommissariat geschrieben, Adzio wegzuschicken. Er ist in seiner Entwicklung zurückgeblieben und auf eine boshafte Art und Weise undiszipliniert. Man kann wegen seiner Streiche nicht das ganze Haus in Gefahr bringen (kollektive Verantwortung).

Wolkenverhangener Morgen. Halb sechs.

Ein gewöhnlicher Tagesanfang. Ich sage zu Hanna: Guten Morgen.

Sie antwortet mit einem erstaunten BIick.

Ich bitte sie:

"Lache doch."

Sie ist krank, blaß und ihr Lächeln Ist kränklich.

Ihr habt getrunken, ihr Herren Offiziere, ausgiebig, und es hat euch geschmeckt. Was für ein Blut. Beim Tanz klirrten die Orden zu eurer Schande, die ihr blind wie ihr seid -- nicht seht oder nicht sehen wollt.

Meine Teilnahme am japanischen Krieg: Mißerfolg und Niederlage, am europäischen Krieg: Mißerfolg und Niederlage, am Weltkrieg . . .

Ich weiß, was der Soldat einer siegreichen Armee fühlt.

Die Zeitschriften, mit denen ich einst zusammengearbeitet habe, sind geschlossen und haben Bankrott gemacht. Der Verleger hat sich das Leben genommen.

Dies alles nicht deshalb, weil ich Jude bin, sondern weil ich im Osten zur Welt

gekommen bin.

Man könnte einen traurigen Trost darin finden, daß es auch dem hochmütigen Westen nicht so gut geht.

Dies könnte ein Trost sein, ist es aber nicht.

Ich wünsche niemandem Böses. Ich kann es nicht. Ich weiß nicht, wie man das tut.

Vaterunser, der du bist im Himmel . . .

Dieses Gebet wurde vom Hunger und Elend geboren.

Unser tägliches Brot.

Das was ich erlebe, war, ist vorbei.

Sie verkauften Möbel, Kleider für einen Liter Petroleum, für ein Kilo Grütze, ein Glas Schnaps.

Ich begieße die Blumen. Meine Glatze im Fenster könnte ein gutes Ziel sein.

Er trägt einen Karabiner. Warum steht er da und schaut so ruhig zu? Es ist wohl kein Befehl da, zu schießen.

Vielleicht war er als Zivilist Dorflehrer, Notar, Straßenfeger in Leipzig oder Kellner in Köln?

Was würde er tun, wenn ich ihm zunicken und freundschaftlich zuwinken würde?

Vielleicht weiß er nicht einmal, daß es so ist, wie es ist?

Gekommen?

Vielleicht ist er erst gestern von weit her gekommen?

Janusz Korczak: Erklärung der Rechte des Kindes

Als Anwalt des Kindes sprach sich Janusz Korczak für eine Erklärung der Rechte des Kindes aus - dies viele Jahre bevor ein solches Dokument von der Genfer Konvention (1924) oder der Generalversammlung der Vereinten Nationen (1959) aufgesetzt wurde.

Die Deklaration, die Korczak vorschwebte - kein Gesuch um guten Willen, sondern eine Aufforderung zum Handeln -. war zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht vollständig.

Ich habe in "Wie man ein Kind lieben soll", "Das Recht des Kindes auf Achtung" und in anderen Werken nachgesucht und die Rechte zusammengestellt, die für Korczak die wichtigsten waren:

Das Kind hat das Recht auf Liebe.

("Liebe das Kind. nicht nur dein eigenes.")

Das Kind hat das Recht auf Achtung.

("Verlangen wir Respekt vor leuchtenden Augen. glatten Stirnen. jugendlicher Anstrengung und jugendlichem Vertrauen. Warum sollten trübe Augen, eine gefurchte Stirn, zerzaustes graues Haar oder müde Resignation mehr Respekt gebieten?")

Das Kind hat das Recht auf optimale Bedingungen für sein Wachstum und seine Entwicklung.

("Wir verlangen: schafft den Hunger ab, das Frieren. die Feuchtigkeit. den Gestank, die Überfüllung und die Überbevölkerung.")

Das Kind hat das Recht. in der Gegenwart zu leben.

("Kinder werden nicht erst zu Menschen; sie sind es heute schon.")

Das Kind hat das Recht, es selbst zu sein.

("Ein Kind ist kein Lotterielos, um den ersten Preis zu gewinnen.")

Das Kind hat das Recht auf Fehler.

("Bei den Kindern gibt es auch nicht mehr Narren als bei den Erwachsenen.")

Das Kind hat das Recht, zu versagen.

("Wir Prangern die trügerische Sehnsucht nach perfekten Kindern an.")

Das Kind hat das Recht, ernst genommen zu werden.

("Wer fragt das Kind nach seiner Meinung und seinem Einverständnis?")

Das Kind hat das Recht, für das, was es ist, geschätzt zu werden.

("Das Kind hat, weil es klein ist, nur einen geringen Marktwert.")

Das Kind hat das Recht, zu wünschen, zu verlangen, zu bitten.

("lm Laufe der Jahre wird der Abstand zwischen den Forderungen der Erwachsenen und den Wünschen der Kinder immer größer.")

Das Kind hat das Recht auf Geheimnisse.

("Respektiert seine Geheimnisse.")

Das Kind hat das Recht auf eine Lüge. eine Täuschung, einen Diebstahl.

("Es hat nicht das Recht, zu Iügen, zu hintergehen und zu stehlen.«)

Das Kind hat das Recht auf Respektierung seiner Besitztümer und seines Budgets.

("Jeder hat das Recht auf seinen Besitz, ganz gleich wie gering oder wertlos er sein mag".)

Das Kind hat das Recht auf Erziehung.

Das Kind hat das Recht, sich erzieherischen Einflüssen, die seinen eigenen Überzeugungen zuwiderlaufen, zu widersetzen.

("Zum Glück für die Menschheit gelingt es uns nicht, Kinder zu zwingen, sich Angriffen gegen ihren gesunden Menschenverstand und gegen ihre Menschlichkeit zu beugen.")

Das Kind hat das Recht, sich gegen` Ungerechtigkeit zu verwahren.

("Wir müssen die Gewaltherrschaft beenden.")

Das Kind hat des Recht auf einen Kindergerichtshof, wo es über Gleiche urteilen kann und von Gleichen verurteilt wird.

("Wir sind die einzigen Richter der Handlungen eines Kindes, seiner Schritte, Gedanken und Pläne....Ich weiß, daß ein Kindergericht unabdingbar ist, daß es in fünfzig Jahren keine Schule mehr geben wird, keine einzige Institution ohne ein solches Gericht.")

Das Kind hat das Recht auf Verteidigung durch die Gerichtsbarkeit eines Gerichtshof aus Jugendlichen.

("Auch das straffällig gewordene Kind ist immer noch ein Kind....Unglückseligerweise verbreitet sich das aus Armut geborene Leid wie Läuse: Sie ist der Nährboden für Sadismus, Verbrechen, Grobheit und Brutalität.")

Das Kind hat das Recht, auf Respektierung seines Schmerzes.

("Und sei es nur den Verlust eines Kieselsteins.")

Das Kind hat das Recht auf Zwiesprache mit. Gott.

Das Kind hat das Recht, vorzeitig zu sterben.

("Die tiefe Liebe der Mutter zu ihrem Kind muß ihm das Recht auf einen vorzeitigen Tod gewähren - darauf, seinen Lebensweg nach nur ein oder zwei Sommern zu beenden ....

Nicht jeder Busch wird zu einem Baum.")

(Textauszüge Betty Jean Lifton, Der König der Kinder, Klett Stuttgart 3. Aufl. 1992)

 

 

 
  
 
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