6 Dimensionen
des Bildes vom Erzieher
Von
Julia Grewatsch

1. Mit Kindern fühlen
Korczak zufolge sind Mitgefühl und einfühlendes
Verstehen die erste und wichtigste Bedingung erzieherischen
Handelns. Dem voraus geht die Einsicht in die Andersartigkeit
des Kindes. Der Erzieher sollte bemüht sein,
das Kind zu verstehen, seine Gedanken und Gefühle
nachempfinden und auf die Ängste und Hoffnungen
der Kleinen Rücksicht nehmen.
2. Kinder begleiten, statt sie zu bevormunden
Kinder zu begleiten bedeutete für Korczak,
in einer dialogischen Beziehung (vgl. Martin Buber)
mit seinen Schützlingen zu leben. Das pädagogische
Verhältnis wurde somit zu einer Begegnung des
jungen Menschen mit einem älteren. Korczak forderte,
dem Kind mit Achtung und in Partnerschaft gegenüber
zu treten, da es von gleichem Wert und gleicher Würde
sei, wie die Erwachsenen.
3. Realität nicht beschönigen - aus
Fehlern lernen
Korczak stellte fest, dass die Realität mit
Kindern oft weit entfernt ist von den Idealen und
Wünschen vieler Theoretiker. Der Erzieher muss
daher aus seinen Fehlern und von den Kindern lernen - er
muss sich selbst erziehen.
4. Menschenrechte der Kinder achten
Erstmalig in der Geschichte der Pädagogik forderte
Korczak eine "Charta der Menschenrechte für
Kinder". Ausgangspunkt dafür war die Erkenntnis,
dass Kinder nicht erst zu Menschen werden (bzw. zu
solchen erzogen werden müssen), sondern es jetzt
schon sind. Korczaks "Magna Charta Libertatis" sah
drei Grundrechte für Kinder vor:
- Das Recht des Kindes auf seinen Tod
- Das Recht des Kindes auf den heutigen
Tag
- Das Recht des Kindes, so zu sein,
wie es ist
Im Zentrum der Kinderrechte stand das Recht auf
die Gegenwart. Korczak bricht hier mit den herkömmlichen
Erziehungsvorstellungen, welche damals auf die Zukunft
der Kinder gerichtet waren.
"Das Recht des Kindes auf seinen Tod" formulierte
Korczak als Arzt, der oft mit sterbenden Kindern
konfrontiert worden war. Korczak sprach sich für
das Recht auf einen frühen Tod aus. Er sah,
wie würdevoll Kinder zu sterben wissen und war
entschieden gegen ein unnützes Herausschieben
des Todes. Korczak war außerdem der Ansicht,
dass der Körper des Kindes nur ihm allein gehört.
Das Kind hat das Recht, selbst über seinen Körper
zu entscheiden und zu leben. Der Erzieher darf das
Kind aus Sorge um dessen Gesundheit nicht überbehüten
und es in seiner Entwicklung einschränken.
"Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag" geht
davon aus, dass die Kindheit ein autonomes Stadium
im "Hier und Jetzt" und nicht auf die Zukunft ausgerichtet
ist. Das Kind hat ein Recht auf die Gegenwart, auf
seine Symbole, Kategorien und Regeln. Korczak forderte
vom Erzieher, sich nicht in das Werden des Kindes
einzumischen. Der Erzieher sei lediglich für
das Kind im Heute verantwortlich.
"Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es
ist" erarbeitete Korczak aus der Einsicht,
dass jedes Kind ein einmaliges und unvergleichliches
Wesen ist. Es hat das Recht auf seine individuelle
Entwicklung, auf Selbstbestimmung und Entfaltung
seiner Persönlichkeit. Kinder dürften
nicht zur Übernahme von Werturteilen und Programmen
gezwungen werden. Ziel der Erziehung sei die Autonomie
und Selbstverantwortung des Kindes Der Erzieher
hat dabei die Aufgabe, die im Kinde schlummernden
Kräfte zu wecken und zu fördern. Er muss
Freiräume bereitstellen, in denen das Kind
sich entwickeln kann. Wichtig ist hierbei, dass
Korczak zwar jede Form von Autorität ablehnte,
sich selbst jedoch nicht als ein Vertreter der
anti- autoritären Erziehung oder des Laissez-
Faire- Stils sah. Grenzen und Lernziele spielten
auch bei Korczak eine große Rolle.
5. Beobachten und Reflektieren
Korczak forderte vom Erzieher, ein sorgfältiger
und gewissenhafter Beobachter des Kindes zu sein.
Dabei sei es nicht wichtig, wie das Kind sein
sollte , sondern wie es jetzt ist .
Dem genauen Beobachten des Kindes folgt ein vorsichtiges
Reflektieren und das Erwägen von Handlungs-
möglichkeiten. Beobachtungen jeder Art sollten
dabei immer schriftlich festgehalten werden.
6. Phantasie- und humorvoll eine demokratische
Lebenswelt schaffen
Die praktische Umsetzung der Kinderrechte und die
Erfüllung der Beobachtungsaufgaben erfolgten
bei Korczak stets mit viel Phantasie und Humor ("Tag
des Schmutzfinken" u.a.). Er bot den Kindern Hilfen
zur Selbsterziehung an, schuf Organe der Selbstregierung
(Kindergericht) und demokratische Institutionen (Kinderparlament)
im Kinderheim.
Literatur
BIEWEND, Edith: "Liebe
ohne Illusionen. Leben und Werk des Janusz Korczak." Heilbronn. 1974
KLEIN, Ferdinand: "Janusz
Korczak. Sein Leben für
Kinder". Klinkhardt. Bad Heilbrunn. 1996
KUNZ, Lothar (Hrsg.): "Einführung in die Korczak-
Pädagogik". Beltz Grüne Reihe. Weinheim
und Basel. 1994
KORCZAK, Janusz: "Wie
man ein Kind lieben soll".
Göttingen. 1967
KORCZAK, Janusz: "Von
Kindern und anderen Vorbildern".
GTB. Gütersloh. 2001
KORCZAK, Janusz: "Verteidigt
die Kinder!". GTB.
Gütersloh. 2001
KORCZAK, Janusz: "Das
Recht des Kindes auf Achtung".
GTB. Gütersloh. 2001
LIFTON, Betty: "Der
König der Kinder. Das Leben
von Janusz Korczak". Klett- Cotta. Stuttgart. 1990
RADTKE, Uwe: "Janusz
Korczak als Pädagoge.
Zum Recht des Kindes auf Achtung". Marburg. 2000
SCHONIG, Bruno: "Auf
dem Weg zu einer eigenen Pädagogik.
Annäherungen an Janusz Korczak". Schneider Verlag.
Hohengehren. 1999
Weitere Literatur
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